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Was man in eine Trauerkarte schreibt, wenn einem nichts einfällt

Die Karte liegt seit Tagen da und man traut sich nicht. Über die Angst, das Falsche zu schreiben, und warum ein unbeholfener Satz besser ist als keiner.

von Mara Krapp · Veröffentlicht am 29. August 2026 · 4 Min. Lesezeit

Eine leere cremefarbene Klappkarte auf Leinen, daneben ein Füller und getrocknetes Schleierkraut

Die Karte liegt seit vier Tagen auf dem Tisch. Man geht mehrmals am Tag daran vorbei, nimmt sich vor, sich nachher hinzusetzen, und tut es dann doch nicht. Nicht, weil es einem egal wäre. Sondern weil man Angst hat, das Falsche zu schreiben.

Ich glaube, das ist der häufigste Grund, warum Trauerkarten nie ankommen. Und das Traurige daran ist: Für die, die trauern, ist Schweigen härter als jeder unbeholfene Satz. Sie merken sehr genau, wer sich gemeldet hat und wer nicht, und sie merken es noch Monate später.

Es gibt keinen Satz, der den Verlust kleiner macht. Das ist auch gar nicht die Aufgabe. Eine Karte sagt eigentlich nur: Ich weiß es. Ich denke an dich. Alles andere kommt oben drauf.

Den Namen schreiben

Wenn ich etwas gelernt habe, dann das. Man neigt dazu, drumherum zu schreiben — „euer schwerer Verlust", „die traurigen Umstände". Es fühlt sich behutsamer an.

Aber wer trauert, erlebt das oft als zweites Weggehen: Alle reden vorsichtig drumherum, und niemand sagt mehr den Namen. Dabei ist genau der das, was noch da ist. „Seit ich weiß, dass Thomas gestorben ist" liest sich wärmer als jede Umschreibung, auch wenn es sich beim Schreiben härter anfühlt.

Mit dem Wort „gestorben" ist es genauso. Es ist in Ordnung. Und wenn „von uns gegangen" zu einem gehört, ist das auch in Ordnung — nur nicht, weil man vor dem anderen Wort ausweicht.

Eine Erinnerung ist mehr wert als ein schöner Spruch

Wenn man den Menschen kannte, ist das Persönliche das Einzige, was nur man selbst schreiben kann. Es muss nichts Großes sein. Eine Kleinigkeit reicht, oft sogar besser als etwas Großes:

„Ich musste an den Nachmittag im Garten denken, als er uns allen erklärt hat, wie man Tomaten hochbindet. Er hatte wirklich für alles eine Methode."

„Sie hat sich jedes Mal nach meiner Mutter erkundigt. Jedes einzelne Mal."

Solche Sätze werden aufgehoben. Ich habe schon Karten gesehen, die jahrelang in einer Schublade lagen, und es waren nie die mit dem schönen Zitat. Ein Spruch aus dem Internet könnte von jedem sein und für jeden gelten — das spürt man beim Lesen sofort.

Und wenn man den Menschen gar nicht kannte, dann darf genau das dastehen: „Ich habe ihn nie kennengelernt, aber an der Art, wie du von ihm erzählt hast, habe ich gemerkt, was er dir bedeutet hat."

Ein paar Sätze, die weh tun, obwohl sie lieb gemeint sind

Ich sage die selbst manchmal, wenn ich unsicher bin, und merke es erst danach.

„Die Zeit heilt alle Wunden" setzt einen Zeitplan, an den sich niemand halten kann. „Es war eine Erlösung" ist ein Urteil über den Tod, das den Angehörigen zusteht, nicht uns. „Sei stark" ist eine Aufgabe obendrauf. Und bei „ich weiß, wie du dich fühlst" weiß man es eben nicht — „ich kann es nur ahnen" stimmt und tut niemandem weh.

Das mit dem „wenigstens" ist mir erst spät aufgefallen. Wenigstens hat er nicht lange leiden müssen, wenigstens war sie nicht allein. Jedes „wenigstens" macht den Verlust ein bisschen kleiner, und das will man eigentlich nicht.

Statt „melde dich, wenn du was brauchst"

Der Satz ist gut gemeint und trotzdem eine kleine Last. Wer trauert, müsste sich melden, überlegen, formulieren, um etwas bitten. Genau das schafft man in diesen Wochen nicht.

Besser ist etwas, auf das man nur ja oder nein sagen muss:

„Ich rufe dich Sonntagabend an. Wenn es dir zu viel ist, geh einfach nicht ran, ich frage nächste Woche nochmal."

„Ich stelle dir Donnerstag was zu essen vor die Tür. Du musst nicht aufmachen."

Das nimmt etwas ab, statt etwas zu verteilen. Und es hält auch noch, wenn nach vier Wochen still wird — was fast immer passiert und was viele als das Schwerste beschreiben.


Zum Praktischen: Handschriftlich, auch wenn die Schrift zittert. Kurz ist völlig in Ordnung, sechs ehrliche Zeilen tragen weiter als eine ganze Seite, die um den Kern herumschreibt. Und zu spät gibt es nicht. Die Karte, die drei Wochen später kommt, ist oft die, die am meisten bedeutet — dann ist die Beerdigung vorbei und es ruft niemand mehr an.

Falls einem am Ende trotzdem nichts einfällt, geht immer der einfachste Satz:

„Ich weiß es, und ich denke an dich."

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